Worum trauern wir?

Nun ist es geschehen: das Unvorstellbare,  das Unfaßbare. Ein Attentat in Paris, das in direktem Zusammenhang zu den kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten steht. Terrorexperten haben es vorausgesehen und konnten es doch nicht verhindern.

Jetzt starben aber keine unschuldigen Menschen: Es waren Täter, die Journalisten und Karikaturisten und Mitarbeiter von Charlie Hebdo. Sie haben sich der Tat, nicht tatenlos zu sein, schuldig gemacht. Sie haben mit spitzer Feder kritisch in die Wunden von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen gestochert. Zeichenstift und Tatstatur waren ihre Waffen gegen einen offensichtlichen Feind, ob dieser nun aus dem eigenen Land stammte oder kontinentale Dummköpfe bzw. religöse Fanatisten waren. Nur konnten alle mit der Kritik an ihrem Tun nicht umgehen. Da waren Anfeindungen von allen Seiten. Doch je mehr die Feinde der kritischen Grafitgriffel sich öffentlich zu Worte meldeten, wuchs auch die Solidarität mit den Machern. Erst recht nach dem Brandanschlag von religiös Verblendeten, der die Redaktion erstmals lahmlegte, aber nicht zerstörte. Und jetzt sollten und sind sie durch scharfe Munition gestorben. Doch ist ihre Stimme nicht verstummt.

Ja, die Stimmen der zwölf im Umfleld mit der Redaktion Charlie Hebdo ermordeten, der jungen Polizistin und der vier Supermarkteinkäufer in Paris bleiben für immer leise. Aber, sie hinterlassen einen großen Aufschrei gegen die Gewalt in der ganzen Welt.

Aber gleichzeitig morden Menschen weltweit weiter. Es sterben in Nigeria ganze Dorfgemeinschaften im Kugfelhagel von Fanatisten. Sterben Menschen durch das Selbstmordattentat eines Kindes. Sterben Menschen in Afrika an den Folgen von Umweltkatastrophen von multinationalen Ölfkonzernen. Was ist das für ein Wahnsinn? Woher nehmen die Mörder sich das Recht heraus zu richten ohne Recht zu sprechen?

Auch wenn der Westen es immer mehr versucht, seine Vorstellungen von wirtschaftskonformer Demokratie in der ganzen Welt (Ingo Schulze: Unsere schönen neuen Kleider …) zu etablieren, ohne den Willen des Volkes zu berücksichtigen. Es gibt andere Mittel, um den Willen, die Hoffnung auf Frieden und Wohlstand kund zu tun.

Trauern wir um die Toten aus Paris. Trauern wir aber auch um die vielen Millionen Toten, die im Namen von religiösem oder ökonomischem Fanatismus ihr Leben lassen mussten.

Ja, in dem Zusammenhang mit Charlie Hebdo bleibt Gesellschaftskritik am Westen nicht aus. Und es muss gesagt werden, warum Afrika, der Nahe und der Ferne Osten sich auf machen, um das Heil im Wirtschaftswunder West zu suchen. Wir sehen unsere ¨Werte¨ in Gefahr und wehren uns gegen die vermeindlichen Gegner, die Schwächeren, die manchmal außer ihrer Religion keinen Halt mehr verspüren. Wir schauen schon lange nicht mehr hinter die Kulissen von Mord und Totschlag in dieser Welt. Deshalb sollten wir auch um die Stimmen von Charlie Hebdo trauern, die ihren Stift ins gesamtgesellschaftlich wunde Fleisch gepickst haben. Neue Grafitstifte werden gespitzt und dann geht die Arbeit weiter – im Gedenken an die Toten von Charlie Hebdo und die vielen unbekannten Toten auf dieser Welt.

Ich bin dabei. Je suis Charlie